Denkort im Martinshof
Was Ihr nicht getan habt … (Jesus von Nazareth nah Matthäus 25,31 ff) – Erinnerung an Opfer und Leidtragende während der NS-Diktatur in Zoar-Martinshof Rothenburg
Im Frühjahr 1941 wurde die Einrichtung Zoar in Rothenburg / Tormersdorf von den Nationalsozialisten nach dem sogenannten „Reichsleistungsgesetz“ enteignet. Mit dieser Zwangsübernahme wurde die Einrichtung mit dem jüdischen Namen „Zoar“ in „Martinshof“ umbenannt.
Die damaligen Machthaber erklärten innerhalb ihres Euthanasieprogramms das Leben von Menschen mit Behinderungen als „lebensunwert“ und führten über 100 HeimbewohnerInnen in sogenannte Heilanstalten ihrer zielgerichteten Tötung zu. Nur wenige konnten in ihre Elternhäuser zurückgeschickt und gerettet werden.
Ab Juli 1941 richteten die Nationalsozialisten im Martinshof ein Arbeits- und Durchgangslager für zeitweilig über 700 jüdische Menschen aus Breslau, Liegnitz, Glogau und Görlitz ein. Alle Arbeitsfähigen, dazu gehörten auch Kinder, wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt. An der Stelle des heutigen Denkortes nutzten Juden und Jüdinnen eine Baracke als Synagoge. 26 jüdische Menschen verstarben schon innerhalb der menschenfeindlichen Umstände im „Lager Tormersdorf“.
Im Oktober / November 1942 wurde dieses Ghetto aufgelöst und seine jüdischen BewohnerInnen mit der Eisenbahn in die Vernichtungslager Theresienstadt, Auschwitz und Majdanek deportiert. Nur sieben von Ihnen sollen überlebt haben.
Die meisten deutschen Menschen, auch ChristInnen, setzten dem keinen geschlossenen Widerstand entgegen. Die einen aus Ergebenheit gegenüber der Obrigkeit oder sogar mit Zustimmung solcher Maßnahmen, andere aus Angst und Ohnmacht.
Jahrelang herrschte Schweigen über das Geschehen. Erst in den 1980 er Jahren begann die Brüder- und Schwesternschaft Martinshof e.V. mit der damaligen Einrichtungsleitung des Martinshofs dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte aufzuarbeiten und zu dokumentieren.
Angestellte Forschungen und verschiedene Publikationen wollen an Namen und Geschichten erinnern, die zu Opfern und Leidtragenden wurden, damit sich solches Unrecht nie wiederholt.

In dieser Aufarbeitung von Geschichte, Schuld und Unterlassen entstand der Gedanke der Errichtung eines Denkorts gegen das Vergessen für Menschen, die im Martinshof in den Jahren 1941-1942 gelitten haben. Der Grafiker Klaus Luchmann und sein Sohn, der Steinbildhauer Roland Luchmann, wurden damit beauftragt, einen Denkort zu schaffen. Fünf gemauerte Ziegelsteinsäulen verweisen symbolisch auf die damalige Schutzlosigkeit der Menschen mit Behinderung und der jüdischen Menschen. In deren Kreis befindet sich eine Steinplatte, durch die ein Riss geht. Auf ihr ist das Schicksal der Opfer eingraviert. Sie fanden keine Zuflucht an diesem Ort. Die Worte des Jesus von Nazareth in Stein geschlagen: „Was Ihr nicht getan habt…“ (nach Matthäus 25, 31ff) verweisen uns auf unsere menschliche Schuld und Unterlassung und fordern uns zu Erinnerung und Versöhnung auf.
Der Denkort gegen das Vergessen wurde zum Buß- und Bettag am 22.11.1995 im Martinshof neben dem Brüderhaus eingeweiht.

Die Stiftung Diakonie St. Martin und die Brüder- und Schwesternschaft Martinshof e.V. wollen mit dem Suchen und Sammeln von Namen und Geschichten der damaligen Opfer diese bedeutsame Erinnerungskultur für Menschlichkeit und Versöhnung fortsetzen und pflegen.
DENKORT GEGEN DAS VERGESSEN
für Menschen, die hier in den Jahren 1941 – 1942 gelitten haben.
Zoar – Martinshof Rothenburg

Lot sprach: Siehe, da ist eine Stadt nahe, in die ich fliehen kann, und sie ist klein; dahin will ich mich retten- ist sie doch klein -, damit ich am Leben bleibe. Da sprach der Herr zu ihm: Siehe ich habe auch darin dich angesehen, dass ich die Stadt nicht zerstöre, von der du geredet hast. Eile und rette dich dahin; denn ich kann nichts tun, bis du hineinkommst. Daher ist diese Stadt Zoar genannt…
(aus dem 1. Buch Mose, 19. Kapitel)
Zoar - für Lot und seine Familie die einzige Rettung nach der Katastrophe. Ort der Rettung und Bewahrung des Lebens, Zuflucht, Heimat.
Zoar- du Kleine! Was ist aus dir geworden? Kein Dach sehe ich mehr, keine schützenden Mauern der Geborgenheit. Nicht einmal mehr Wände, die noch schreien könnten. Nur fünf Säulen aus Abrissziegeln deuten an, dass hier einmal ein Haus stand. Dass hier Menschen lebten, die bangten, zitterten, hofften und - beteten. In einer Synagoge, in einer Kapelle. In einem Ghetto, in einem Heim für geistig behinderte Menschen. Leben - unmittelbar vor der Katastrophe, dem Holocaust, der Euthanasie. Nichts mehr erinnert an Zuflucht. Kein „guter Ort“ - letzte Ruhe und letzte Zuflucht haben Menschen hier nicht gefunden.
Zoar - du Kleine! Nicht einmal dein Name ist geblieben. Ihn haben sie zuerst beseitigt, danach die behinderten und die jüdischen Menschen. Durch den Stein geht ein Riss. Nichts mehr wie es war. Menschliche Schuld lässt sich bekennen, beklagen, betrauern. Das Geschehene lässt sich nicht rückgängig machen. Aber vielleicht geht durch unser Herz ein Riss - es wäre heilsam. Er mahnt uns, nie wieder aus einem Ort der Zuflucht einen Ort der Schutzlosigkeit zu machen. Um der behinderten Menschen willen, um der jüdischen Menschen willen, um Gottes willen!
Matthias Loyal
Denkort gegen das Vergessen
Die Jahre 1941-42 sind für Zoar-Martinshof die dunkelsten in seiner Geschichte. Die Zeit des sogenannten „Dritten Reiches“ wurde durch die Ideologie des Nationalsozialismus zu einer Zeit der Menschenverachtung und Menschenvernichtung.
Im Martinhof betraf es zuerst die geistig behinderten Bewohner, zu der Zeit über einhundert, die der Euthanasie preisgegeben wurden. Unter staatlichem Druck hatte die Brüderschaft den jüdischen Namen Zoar in Martinshof und die Namen der Häuser verändert.
Nach einem Führererlass vom 1.9.1939, der als „Geheime Reichssache“ galt, sollte „unheilbar Kranken, bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes, der Gnadentod gewährt werden“. Sie wurden als „lebensunwertes Leben“ ausgelöscht.
Diese „T-4“ genannten Aktionen liefen in den staatlichen Landesheilanstalten und in Einrichtungen der Inneren Mission seit 1940.
Im Martinshof begann sie im Frühjahr 1941. Damit verfolgten die damaligen Machthaber weitere Absichten: Indem sie anordneten, den gesamten Martinshof von Heimbewohnern freizumachen, um „die Anstalt einer ‚besseren Nutzung‘ zuzuführen“, planten sie, daraus ein Juden-Ghetto zu machen (Arbeits- und Durchgangslager für schlesische Juden).
Zugleich sollte der Martinshof mit Hilfe des sogenannten „Reichsleistungsgesetzes“ enteignet und die seit 1898 hier arbeitende Brüderschaft vertrieben werden. Darin zeigt sich die ganze Perfidie der Nationalsozialisten.
Die meisten deutschen Menschen, auch Christen, setzten dem keinen geschlossenen Widerstand entgegen. Die einen aus Ergebenheit gegenüber der Obrigkeit oder sogar mit Zustimmung zu solchen Maßnahmen, andere aus Angst und Ohnmacht.
Am 17. und 19. Juni 1941 wurden über einhundert geistig behinderte Menschen aus dem Martinshof in sogenannte Landesheilanstalten gebracht und dort getötet.
Der damalige Vorsteher, Pastor Curt Zitzmann, hat gemeinsam mit einigen Diakonen versucht, Heimbewohner zu retten.
Einige wurden ihren Familien zurückgegeben, andere in der Außenstelle Leuthen untergebracht. Genaue Zahlen sind bis heute nicht bekannt. Man wusste, was den Abgeschobenen bevorstand, fand aber keinen anderen Ausweg.
Ab Juli 1941 wurde der Martinshof mit jüdischen Menschen belegt. Es waren zeitweilig über 700. Sie kamen aus Breslau, Liegnitz, Glogau und Görlitz. Ständig wurden Gruppen in Konzentrationslager abtransportiert. Immer wieder kamen andere jüdische Menschen hinzu. Das „Lager Tormersdorf“ wurde in Selbstverwaltung von einem Judenrat geleitet, unterstand aber der Gestapo, die ständig Kontrollen durchführte. Alle Arbeitsfähigen, dazu gehörten auch Kinder, wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt. So in der Kriegsindustrie in Niesky, bei Gewerbetreibenden in Rothenburg, in der Landwirtschaft in Uhsmannsdorf und Lodenau, beim Straßenbau in Richtung Spree, bei der Flussbettbefestigung der Neiße.
Weil die Brüderschaft nicht bereit war, den Martinshof aufzugeben, ergab sich eine in Deutschland wohl einmalige Situation: Christen und Juden lebten zusammen auf einem Grundstück. Wenn auch Begegnungen durch einen Zaun verhindert werden sollten, so haben manche versucht, den jüdischen Menschen kleine Erleichterungen zu verschaffen, ohne dass sie etwas gegen deren Vernichtung tun konnten.
Im Oktober/November 1942 wurde das Ghetto aufgelöst und seine Bewohner mit der Eisenbahn nach Theresienstadt, Auschwitz und Majdanek gebracht. Nur sieben von ihnen sollen überlebt haben.
Jahrelang herrschte Schweigen über das Geschehen. Wir müssen heute darüber sprechen. Dieser Denkort soll ein Ort gegen das Vergessen sein. Erinnern soll helfen, dass sich heute so etwas nicht wiederholt.
Reinhard Leue
Entwurf für den Denkort:
Klaus Luchmann sen., geboren 1928
Grafiker, lebte in Eichwalde bei Berlin
Ausführung der Bildhauerarbeiten:
Roland Luchmann jun., geboren 1960
Steinbildhauer, lebt in Berlin
Veröffentlichungen
Preisgegebene Menschen – Zwangslager und Judenghetto Zoar / Martinshof in Rothenburg 1941/42 – Reinhard Leue – Sonderdruck aus dem Jahrbuch für Schlesische Kirchengeschichte 83 – 2004
Was Ihr nicht getan habt … Erinnerung an Opfer und Öleidtragende während der NS-Diktatur in Zoar-Martinshof Rothenburg – Margit Mantei
Freie wissenschaftliche Arbeit zu „Der Zoar – Martinshof in Rothenburg / OL“ (im Zeitraum 1898-1945) – Manja Krausche 2017 – Masterstudiengang Neueste Geschichte



